Kommunikations-Impulse für den Alltag

Mit kurzen Beiträgen unerer Instituts-Kolleginnen und -Kollegen zu Themen rund um die Kommunikationspsychologie möchten wir Sie zum Nachdenken anregen und erkenntnisreiche Impulse geben.

 

Die Kunst des Nein-Sagens
Ein Impuls von Kathrin Zach

Es gibt einen Comic von Gary Larson in dem ein Elefant vor Publikum am Konzertflügel sitzt und in seiner Gedankensprechblase zu lesen ist: „What am I doing here? I am the flute, not the piano player!“

Ein wunderbarer Comic! Und eine furchtbare Situation! In Seminaren und Coachings habe ich immer wieder mit Menschen zu tun, die in ähnliche Situationen geraten; die sich unvermittelt in einer Aufgabe wiederfinden oder eine Zuständigkeit „an der Backe haben“, die mit Abstand und bei Lichte besehen, eigentlich gar nicht für sie in Frage kam. Aber irgendwo zwischen Anfrage und Antwort befand sich diese kleine „Sicherheitslücke im System“, die das (zunächst) klar gefühlte „nein“ dann doch wie ein „ja“ hat klingen lassen.

Wie kann es angehen, dass doch wieder ich das Protokoll schreibe, obwohl ich eigentlich entschlossen war, es diesmal nicht zu tun? Wieso bin doch wieder ich Elternvertreter geworden, obwohl es eigentlich genügend andere Eltern in der Klasse gibt, die nicht voll berufstätig sind? Wie kommt es, dass ich eine Woche lang eine entfernte Bekannte beherberge und ihr die Stadt zeige, obwohl ich in dieser Woche eigentlich ein wichtiges Projekt fertig bekommen muss?

Das Thema „nein sagen“ bzw. „nicht nein sagen“ hat viele Facetten und es können die unterschiedlichsten persönlichen Themen und Biografien zugrunde liegen – deren genauere Betrachtung lohnt! An dieser Stelle soll es jedoch um keine vertiefende Individualdiagnostik gehen, sondern um einen kleinen Gedanken und Impuls zu diesem Thema, nämlich: Jedes „nein“ hat auch ein „ja“ im Schlepptau! Und umgekehrt! Jedes „ja“ (zu etwas) beinhaltet auch ein „nein“ (zu etwas anderem). Sage ich beispielsweise „ja“ zum Besuch der Bekannten, sage ich gleichzeitig „nein“ zu anderen Vorhaben, die in der Woche dann nicht mehr oder zumindest weniger gut möglich sind. Sage ich beispielsweise „nein“ zu der spontanen Einladung, sage ich gleichzeitig z.B. „ja“ zur gemeinsamen Zeit mit meinen Kindern – oder ausgiebigem Schlaf. Man kann sich das ähnlich einer Yin und Yang-Abbildung vorstellen, das Eine enthält immer auch das Andere! Und doch haben wir diesen Zusammenhang nicht immer im Blick. Gut, wenn mir die „Schlepptau-Konsequenz“ klar ist und ich mich bewusst entscheiden kann. Die Entscheidung für das Klavier beinhaltet die Entscheidung gegen die Flöte (wobei sich der aufmerksame Beobachter möglicherweise hier die Frage stellt, ob nicht bereits die Flötenposition einem nicht zur Verfügung stehendem „nein“ geschuldet war…).

Die bewusste Wahl trägt auch dazu bei, die eventuellen Folgekosten meiner Entscheidung besser (er-)tragen zu können. Ich habe mich dafür entschieden die Bekannte zu beherbergen – und nehme in Kauf, dass sich das Projekt verzögert. Oder ich habe mich dafür entschieden, dass das Projekt oberste Priorität hat und nehme in Kauf, dass meine Bekannte in dieser Woche keine Herberge bei mir findet oder nur eine begrenzt verfügbare Stadtführerin. Die entscheidende Frage ist daher meistens gar nicht, ob ich „ja“ oder „nein“ sage, sondern wozu ich „ja“ und wozu ich „nein“ sage. Damit steigt die Chance, sich bewusster zu entscheiden und den Konsequenzen ausgesöhnter zu begegnen – und sich selbst weniger häufig am Konzertflügel wieder zu finden, wenn man doch eigentlich die Flöte spielt bzw. spielen wollte!

Möglichkeiten zur Vertiefung dieser und weiterer Impulse finden Sie in unseren Impulstagen .